Doris Kuegler – Dschungeljahre
Mit drei kleinen Kindern bricht Familie Kuegler auf, um unter Steinzeitbedingungen bei einem neu entdeckten, kriegerischen Stamm in West-Papua zu leben.
Im Jahr 1980 bricht das Missionarsehepaar Doris und Klaus Kuegler mit seinen drei Kindern auf, um bei dem neu entdeckten Stamm der Fayu in West-Papua zu leben. Die Fayu leben unter Steinzeitbedingungen, essen Schlangenfleisch und Insekten und jagen Krokodile. Zudem sind sie ein kriegerisches Volk – manche von ihnen waren vor nicht allzu langer Zeit noch Kannibalen …
Die Türen des Hubschraubers waren inzwischen geöffnet. Feucht-heiße Luft schlug uns entgegen. Klaus half mir aus dem Hubschrauber.
Die Kinder freuten sich riesig, ihren Vater zu sehen. Sabine war flink wie ein Wiesel aus dem Hubschrauber gesprungen und lief schnurstracks auf die Fayu-Kinder zu. Die drehten sich blitzschnell um und waren sofort im Urwald verschwunden.
Verblüfft schaute Sabine ihnen nach. „Warum laufen die denn weg, Papa?“, rief sie.
Ich erklärte ihr, dass diese Kinder noch nie ein weißes Kind mit blonden Haaren und blauen Augen gesehen hatten und dass sie deshalb vermutlich Angst hatten. „Lass ihnen ein bisschen Zeit. Aber Bienchen, wenn du meinst, du wüsstest es besser, dann man los.“ Schließlich kannte ich meine draufgängerische Tochter nur zu gut – Sabine ließ sich nie eine Gelegenheit entgehen, ein Abenteuer zu erleben und etwas Neues zu entdecken.
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und rannte auf eine Gruppe von Frauen zu, die ihre Babys auf dem Arm hatten. Sabine war nur noch ein paar Schritte von ihnen entfernt, als ein kleines Kind einen so entsetzten Schrei ausstieß, dass mir fast das Blut in den Adern gefror. Auch Sabine blieb erschrocken stehen, drehte sich dann langsam um und kam zu uns zurück – ein bisschen blass, aber um eine Erfahrung reicher.
Wir gingen auf unser neues Zuhause zu. Der Hubschrauber war gerade abgeflogen.
Von dieser ganzen Gegend gab es noch keine Landkarte, und über die Fayu selbst wusste man so gut wie nichts. Immerhin hatte Klaus mich im Hinblick auf Kannibalismus beruhigen können: Die Fayu hatten ihm berichtet, dass nur noch wenige Clans weit oben im Hochland Menschenfleisch aßen, sie selbst das aber niemals tun würden.
Ich konnte nur ahnen, was alles auf mich zukommen würde. Die Frauen, die mit ihren Babys am Rand des Dschungels gestanden hatten, kamen langsam auf mich zu. Ich hoffte nur, dass sie mich als „ungefährlich“ eingestuft hatten. Es sah tatsächlich so aus. Sie fassten meine Arme an. War die weiße Haut wirklich echt? Ich spuckte auf meinen Arm und rieb fest über die Stelle. Da mussten wir alle lachen, und das Eis war gebrochen.
Die eindrückliche Beschreibung, wie die Familie Kuegler nach und nach die Herzen der Fayu gewann, können Sie in Doris Kueglers Autobiografie „Dschungeljahre“ nachlesen, die im aktuellen Band unserer Buchreihe „Im Spiegel der Zeit“ erschienen ist.
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