Eine Frage der Ehre
Aus: The Chronicle of Higher Education
Die Anfrage traf um 14 Uhr per E-Mail ein. Sie kam von einer früheren Klientin, die es jetzt ganz eilig hatte. Ihre Mitteilung in einem kryptischen und fehlerhaften Englisch müsste man ungefähr so übersetzen: „Sie haben mir genötigten Vorschlag für Arbeit in Wirtschaftsethik gemacht. Vorschlag ist angenommen. Bitte könne Sie mir Arbeit schreiben?“ Im Entziffern solcher Schreiben bin ich inzwischen versiert. Die Klientin schickte ein Dokument ihres Professors mit Einzelheiten zu der Arbeit mit. Den ersten Teil brauchte sie in einer Woche. 75 Seiten. Kein Problem, teilte ich ihr mit. Ich habe im vergangenen Jahr grob 5000 Seiten an akademischen Texten verfasst, die meisten mit äußerst knappem Abgabetermin: darunter eine Masterarbeit in Kognitionspsychologie, eine Doktorarbeit in Soziologie und einige Arbeiten für Aufbaustudenten in internationaler Diplomatie.
Ich wirkte an Bachelor-Abschlüssen in Betriebswirtschaft sowie Buchhaltung mit und schrieb für Seminare in Geschichte, Filmkunst, Betriebsverfassung, Pharmakologie, Theologie, Sportmanagement, Gefahrenabwehr auf See, Luftfahrtwesen, Nachhaltigkeit, städtische Haushaltsplanung, Marketing, Philosophie, Ethik, Östliche Religionen, postmoderne Architektur, Anthropologie, Literatur und öffentliche Verwaltung. Ich verfasste zwölf Abschlussarbeiten mit mindestens 50 Seiten.
Aber mein Name taucht auf keiner Arbeit auf. Ich bin für ein Online-Unternehmen tätig, das für studentische Betrüger Arbeiten verfasst – mit einem Monatsumsatz von Zigtausend Dollar. Ich bin seit 2004 in Vollzeit dabei und wickle pro akademischem Jahr mindestens 20 Aufträge ab.
Als mich die Wirtschaftsstudentin kontaktierte, war das Semester fast schon zu Ende. In dieser Phase jongliere ich normalerweise mit den Terminen und produziere 20 bis 40 Seiten pro Tag. Der Vorschlag, den ich für die Klientin vor ein paar Wochen geschrieben hatte, zielte auf Folgendes: aufzuzeigen, dass ein Anstieg unlauterer Geschäftspraktiken mit der Liberalisierung des Handels zu tun habe. Der Vorschlag wurde angenommen. Jetzt hatte ich noch sechs Tage Zeit, um den Anschlussauftrag zu erfüllen. Es gab nicht einmal Eilzuschlag: Statt des Höchsthonorars brachte die Arbeit nur die üblichen 2000 Dollar, von denen die Hälfte in meine Tasche fließt.
Ich erklärte mich zur Übernahme bereit. Stunden später erhielt ich folgende E-Mail: „Sende Quellen für Sie zu nutzen, Danke.“ Ich antwortete nicht sofort. Eine Stunde später kam die nächste Nachricht: „Habe Sie Quellen bekommen, bitte wo sind Sie jetzt? Muss Projeckt unbedingt bekomme.“ Ich würde auf ihre Arbeit äußerste Sorgfalt verwenden, teilte ich ihr mit. Die Quellen hätte ich erhalten und bei Fragen käme ich auf sie zu. Dann legte ich den Auftrag beiseite.
Erfahrungsgemäß nehmen meine Dienste drei Arten von Auftraggebern in Anspruch: Studenten mit Englisch als Fremdsprache, hoffnungslose Fälle und Leute aus vermögendem Hause, die sich selbst kein Bein ausreißen wollen.
Zwei Tage liegt die letzte Meldung der Wirtschaftsstudentin zurück. Jetzt sind über Nacht 14 E-Mails von ihr eingegangen. Weitere Anweisungen lauten unter anderem: „Und bitte noch, sorgen für guten Zusammenhang zwischen Vorlesungsbericht und dem ganzen Kapitel und dem Nuzen meines Arbeit. Schließlich glauben Sie das Niveau dieser Arbeit? Wie fiel kann ich es bekommen?“ Zugegeben, ich verstand nicht ganz, erhielt aber die Erläuterung: „Wo sind sie können sie meine Nachrichten bekommen? Bitte ich zahle viel und möche nicht scheidern ich habe viele Sorge.“
Ich versicherte ihr erneut, ich hätte die Sache voll unter Kontrolle. Und das stimmte auch. Akademische Herausforderungen können mich kaum noch erschrecken. Die Wünsche der Klienten unterscheiden sich, sind aber seltsamerweise doch immer gleich. Unabhängig vom Fachgebiet brauchen sie stets die Versicherung, dass ihr Auftrag in besten Händen ist. Ein schrecklicher Gedanke, dass die Arbeit für eine Eliteuniversität von einem Dünnbrettbohrer angefertigt wird, der seine Zeit an einer wenig renommierten Hochschule abgesessen hat.
Folglich gehört es zu meiner Aufgabe, all das zu sein, was der Klient sich wünscht: Natürlich habe ich den Doktor in Soziologie. Klar bin ich für Psychologie im Industrie- und Organisationsbereich ausgebildet. Sicher habe ich an drei Dutzend Online-Universitäten erfolgreich zahllose Seminare abgeschlossen.
Ich arbeite viel für Seminaristen und mag sie. In seliger Unschuld leben sie mit einem Widerspruch: Sie bezahlen mich für die Mitwirkung am Betrug in Seminaren, die sich vor allem darum drehen, wie man im Lichte Gottes wandelt und anderen ein moralisches Vorbild ist. Ich bekam schon Aufträge für flammende Anklagen gegen das sittenverdorbene Amerika, das Abtreibungen, Schwulenehen und die Verbreitung der Evolutionslehre zulässt. Generell dürfen wir annehmen, dass kirchliche Obrigkeiten solche Sünden als eine größere Bedrohung ansehen als die Plagiate angehender Priester.
Ich, der Namenlose, der keine Meinung und keinen Stil hat, habe zahllose Arbeiten verfasst: Nach all den Rechtsgutachten, militärstrategischen Bewertungen, Gedichten, Laborberichten und sogar Artikeln zur akademischen Integrität kann ich nur schwer sagen, in welchem Fachgebieten am meisten geschummelt wird. Aber wahrscheinlich in Pädagogik. Ich habe Referate für angehende Grundschullehrer, Unterrichtspläne für werdende Hochschullehrer und Aufsätze für künftige Schulleiter und Rektoren verfasst. Das gewaltige Komplott des studentischen Betrugs hat die ganze Frontlinie des Geisteslebens durchsetzt.
Als der Abgabetermin für die Arbeit zur Wirtschaftsethik naht, denke ich an das Kommende. Bei jedem Auftrag dieser Größenordnung sagt mir mein Körper: Willst du dir das wirklich wieder antun? Du weißt doch: Die nächsten 48 Stunden bestehen deine Lebensfunktionen nur noch aus Tippen. Du googelst, bis jeder Begriff seinen Sinn verliert, und trinkst genug Kaffee, um eine mittelamerikanische Revolution zu sponsern. Aber dann sind da das Geld, das Gefühl, dass ich die Gelegenheit beim Schopf ergreifen muss, und sogar etwas Nervenkitzel, ob ich das wirklich schaffe.
Und ob ich es schaffe! 75 Seiten in zwei Tagen sind machbar, wenn auch eine elende Schinderei. Nach dem Adrenalinstoß werfe ich vier bis fünf Seiten pro Stunde aus. Zuerst die Gliederung: Einführung, Formulierung des Problems, Methodik, Literaturschau, Ergebnisse und Schlussfolgerung. Dann geht’s los bei Google. Seit meinem Eintritt in die Fälscherwerkstatt habe ich keine Bibliothek mehr von innen gesehen. Amazon ist mit Auszügen ziemlich großzügig. Google Scholar ist eine fantastische Quelle, die zu praktisch jedem Fachartikel die Kurzfassung liefert. Und Wikipedia gibt natürlich erste Orientierung. Solches Material muss freilich geprüft werden, diente mir aber schon hundertfach als Crashkurs.
Nach Sichtung meiner Quellen ziehe ich verwertbare Zitate heraus und flechte sie in die Textpassagen ein. Auch liefert ein passendes Zitat den Aufhänger für zwei Seiten gewichtiger Erläuterungen. Ich kann zu zehn Seiten aufblasen, was gewöhnliche Studenten in einem Absatz sagen. Und ich habe eine innere Bibliothek an akademischen Phrasen: „Eine nähere Betrachtung der Ereignisse, die sich am __ während der __ abspielten, belegt, dass __ in eine Phase des ausgedehnten kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels eingetreten ist, der für die kommenden Jahrzehnte die __ bestimmt.“ In die Leerstellen muss ich nur noch die Stichwörter aus den Anweisungen des Professors einsetzen.
Wie gut mein Produkt ist? Das hängt von meiner Tagesform, Stimmung und der Anzahl meiner nebenher laufenden Aufträge ab. Die sprachliche Überarbeitung lasse ich immer weg. Tatsächlich erntete ich schon großes Lob dafür, dass ich so klug war, Tippfehler einzubauen. „Nette persönliche Note“, sagen meine Auftraggeber.
Und wissen Sie was? Bislang hat sich noch kein Klient beschwert, dass die Originalität seiner Arbeit angezweifelt oder gegen ihn eine Disziplinarmaßnahme ergriffen wurde. Soweit ich weiß, ist nie jemand aufgeflogen.
Ganze zwei Tage vor Abgabe war ich dann bereit, mich in den Wirtschaftsauftrag zu stürzen. Ich schloss mich in meinem Arbeitszimmer ein und durchschritt das Fegefeuer, das geballte angebliche Können einer Studentin in einem Wochenende in einen Text zu gießen. Man muss es selbst erlebt haben: Nach 20 Stunden Arbeit gerät jedes Thema zur überirdischen Erfahrung.
Meine Klientin war von der Arbeit begeistert. Sie erklärte mir, sie werde das Kapitel ihrem Betreuer vorlegen und wegen der nächsten Schritte auf mich zukommen. Zwei Wochen vergingen. Ich hatte mehrere Hundert weitere Seiten verfasst und ihren Auftrag nur noch vage im Gedächtnis. An einem Mittwochabend erreichte mich dann folgende E-Mail: „Viele Danke für das Kapitel geht sehr gut. Der Porfessor gefällt es, will aber noch folgenden Vorschläge. Bitte, was denken sie? ,Die Hypothese ist interessant, aber ich hätte sie gerne etwas klarer umrissen. Stellen Sie einen bestimmten Bezug her, und belegen Sie ihn.‘ Was sollen wir jetzt sagen?“
Ein häufiges Problem: Bei längeren Arbeiten betrachtet mich der Klient allmählich als seinen persönlichen Studienberater. Die Studentin bestellte ein Antwortschreiben an den Professor und dann eine Überarbeitung „ihres“ Textes. Ich erledigte die Aufträge und hielt die Fassade ihres Könnens aufrecht. Aus dem 75-seitigen Aufsatz über Wirtschaftsethik wurde am Ende eine 160-seitige Abschlussarbeit, die Wort für Wort aus meiner Tastatur stammt.
Obwohl der Name der Klientin auf meinem Werk steht, habe ich ihn vergessen. Angesichts der Vielzahl anderer Themen, die ich beackere, spielte auch der Zusammenhang zwischen unlauteren Geschäftspraktiken und der Liberalisierung des Handels in meinem Alltag nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber man stelle sich meine Aufregung vor, als mich die frohe Botschaft erreichte: „Danke vielmal für ire Hilfe. Jetzt kan ich meine Abschuss machen.“
* ED DANTE IST EIN PSEUDONYM
© 2010 ED DANTE. THE CHRONICLE OF HIGHER EDUCATION (NOVEMBER 2010)
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3 Kommentare |
| Harm Krause on 22 Juli 2011 ,11:07 Manchmal doch etwas zu dick aufgetragen. Im Kern dürfte die Darstellung dieses Phänomens aber (leider!! ) nur allzu wahr sein. Der Niedergang in unserer Kultur und Wissenschaft in letzter Zeit dürfte ein deutlicher Beleg sein. Auch ich erhielt per eMail schon öfter derartige Angebote. Aber lieber auf den "Doktor" oder "Professor" verzichten und dafür nachts gut schlafen. Mein Diplom aber habe ich ganz allein gemacht. Mein Betreuer konnte mir nicht mit Rat und Tat helfen, weil er von dem Thema keine Ahnung hatte - was er freimütig bei Übernahme des Themas gestand. Andere Assistenten aus dem Institut ließen mich regelrecht auflaufen. Konkurenzgründe??? Bei der durchaus üblichen Hilfe durch den Betreuer wäre eine um mindestens eine Stufe bessere Bewertung herausgekommen. M.f.G. Harm K. |
| Marion Wolf on 21 Juli 2011 ,07:13 Jetzt wundere ich mich nicht mehr, wieso es Rechtsanwälte gibt, die nichtmal ordentliche Deutsche Sätze schreiben können und weniger Ahnung von gesetzlichen Bestimmungen haben, wie ich als Laie. Oder Krankenhausärzte, die unfähig sind, logisch zu denken... Ich frage mich allerdings, an welchen Schulen solche Leute ihr Abitur gemacht haben! |
| b.janhsen on 15 Juli 2011 ,13:20 Klasse ! |
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